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Welt - 30.10.2018

„Ja“, sagt Niels H. leise

Er wirkt ruhig und ist kooperativ: Der angeklagte Krankenpfleger gibt die ihm vorgeworfenen Morde an Patienten zu. Er könnte weit mehr begangen haben.

Niels H. sitzt bereits wegen Mordes in Haft. Er soll sich Mithäftlingen gegenüber gerühmt haben, „der größte Serienmörder“ der…

Der Einlass ist streng geregelt, schon am frühen Morgen sorgen viele Polizisten dafür, dass alles geordnet abläuft. Seit sechs Uhr, einer Stunde vor Einlassbeginn, stehen vor dem Landgericht Oldenburg schon jede Menge Menschen. Journalisten sind darunter, neugierige Besucher – und Menschen wie Herr M., der sagt: „Wir wollen wissen, was hier passiert ist, wir wollen wissen, wie das möglich wurde.“

Es ist ein Monsterprozess, der an diesem Dienstag beginnt. Monströs deshalb, weil die Zahl der Opfer gewaltig ist – und die Taten grausam sind. Angeklagt ist der 41-jährige Krankenpfleger Niels H. 100 Patienten im Alter von 34 bis 96 soll er in den Jahren 2000 bis 2005 in den Krankenhäusern von Oldenburg und Delmenhorst umgebracht haben. Vielleicht sind es mehr. Wegen sechs Fällen sitzt er bereits seit neun Jahren in Haft, Station B 3 in der Justizvollzugsanstalt Oldenburg, „9,9 Quadratmeter, Holzmöbel, Flachbildfernseher, nicht brennbarer Vorhang separates WC“, wie „Der Spiegel“ recherchierte.

Herr M. schluckt, wischt sich Tränen aus den Augen. Er sagt: „Ein Teil der Angehörigen will nach all den Jahren nichts mehr hören, hat abgeschlossen mit dem Grauen, weil es ja die Getöteten nicht mehr wiederbringt. Ich will Klarheit haben. Ich will wissen, wie und warum dieses Monster unter Aufsicht hat zuschlagen können.“ Sein Vater fiel Niels H. zum Opfer. Deshalb ist er hier.

„Der größte Serienmörder der Geschichte“

Der Mann, den M. als Monster bezeichnet, sitzt kurz darauf ganz in seiner Nähe im Gerichtssaal. Niels H. wirkt entspannt neben seiner Anwältin, und so bleibt er auch, als die Staatsanwaltschaft die Anklageschrift verliest, was beinahe zwei Stunden dauert. 100 Mal werden die Formulierungen benutzt, er habe „aus niedrigen Beweggründen und heimtückisch“ gemordet.

Immer wieder verabreichte Niels H. seinen Patienten Medikamente, die zu einer rapiden Verschlechterung ihres Zustands beitrugen. Nur, damit er sie anschließend retten konnte. Was nicht immer gelang.

Die Zahl seiner Opfer könnte noch viel höher sein, doch erfahren wird das niemand, es sei denn, Niels H. offenbart sich. Viele der in seinen Dienstzeiten verstorbenen Menschen wurden eingeäschert, es ist daher nicht mehr nachzuweisen, mit welchen pharmazeutischen Mitteln der Krankenpfleger eingegriffen hat in den Lauf ihres Lebens. Niels H. selbst soll sich Mithäftlingen gegenüber gebrüstet haben, „der größte Serienmörder der Geschichte“ zu sein.

Ein Kinderchor probt nebenan

Angehörige wie Herr M. haben lange auf diesen Prozess warten müssen. Erst jahrelange Ermittlungen und zwei Gerichtsverfahren führten dazu, dass das nun angeklagte Ausmaß der mutmaßlichen Mordserie ersichtlich wurde.

Der jetzige Prozess gegen H. wurde ausgelagert, weder die Gerichtsgebäude in Oldenburg oder Delmenhorst hätten Platz geboten für die Menge der 126 Nebenkläger, der Angehörigen, der Zuschauer und der Pressevertreter. Die Weser-Ems-Hallen im Oldenburger Ortsteil Donnerschweer, in denen ansonsten Messen, Kongresse, Konzerte stattfinden, wurden in einen provisorischen Gerichtssaal umgebaut, ein Kinderchor probt nebenan.

Immer wieder an diesem ersten Verhandlungstag wendet sich der Vorsitzende Richter Sebastian Bührmann an die juristisch unkundigen Nebenkläger und erklärt ausführlich das Prozedere des weiteren Verlaufs. „Es mag Ihnen manchmal umständlich vorkommen“, sagt er, „aber wir sprechen mitunter eine sehr fachliche Sprache, die Ihnen, die so emotional belastet sind, schwer verständlich erscheinen mag, aber wir sind bemüht, mit aller Kraft nach der Wahrheit zu suchen, die wir wahrscheinlich nicht finden werden.“ Wo ist die auch zu suchen? Bei einem Menschen, der Gutes will und Böses tut, immer wieder.

Er war stets schnell zur Stelle

Niels H. schloss 1997 seine Ausbildung als Krankenpfleger im St.-Willehad-Hospital in Wilhelmshaven ab. Der Vater war Krankenpfleger, die Großmutter Krankenschwester. Pfleger war auch H.s Berufswunsch, er war kenntnisreich und gut ausgebildet. 1999 wechselte er in die herzchirurgische Intensivstation am Klinikum Oldenburg. Dort ermordete er seinen ersten Patienten. Die Sonderkommission „Kardio“ wies ihm diesen Mord 2017 nach. Warum er ihn beging? Das wird an diesem ersten Verhandlungstag nicht klar, denn Richter Bührmann weist eindeutig ab, dass Einzelfälle am ersten Tag bearbeitet werden. Zu komplex ist die gesamte Mordserie.

H. spritzte den Patienten verschiedenen Präparate. Zu hoch dosiert führen diese Medikamente zu Herzkammerflimmern, zu Atemstillstand, zum Tod. Doch stets war H. schnell zur Stelle, reanimierte. Immer wieder, bis er irgendwann zum Reanimations-Star reüssiert war. Das wurde ihm auch attestiert von der Klinikleitung, später ebenfalls von der in Delmenhorst. War das der Kick, den er brauchte? Die Staatsanwaltschaft nennt das als Motiv, und seine Langeweile, die er in den Schichten erlebt habe. Der Held der Wiederbelebung? Warum aber spritzte er die ihm anvertrauten Menschen bis zu drei Mal? Nur um sie wiederzubeleben?

Einmal holte er sich Schwesternschüler zur Beobachtung, führte vor, wie toll er als Lebensretter war.

H. selbst sagt, der Leistungsdruck auf der Intensivstation habe ihm zu schaffen gemacht. Gegen den Stress nahm er laut eigener Aussage Schmerzmittel.

Maßnahmen wurden keine ergriffen

Die Häufung der Sterbefälle während seiner Dienstzeiten fallen auf. Schon im August 2001 meldet sich H. für drei Wochen krank, nachdem Ärzte und Pfleger sich über die zeitlichen Übereinstimmungen zwischen H.s Dienstzeit und den Reanimationen ausgetauscht hatten. Maßnahmen wurden keine ergriffen.

Nach H.s Urlaub gibt es auf der Krankenstation 211 in Delmenhorst 14 Reanimationen an fünf Patienten, drei sterben an diesem, seinem ersten Dienstwochenende, zwei andere an den folgenden Tagen. H. war wieder im Einsatz. Immerhin: Er wird in die Anästhesieabteilung des Klinikums versetzt. Doch bald häufen sich auch dort die Reanimationsfälle. H. wird freigestellt, erhält ein herausragendes Zwischenzeugnis.

Jahre später ermittelt die Soko, dass er für mindestens 36 Todesfälle am Klinikum Oldenburg verantwortlich ist.

Es herrscht eine merkwürdige Stimmung im Sitzungssaal. Wut ist keine zu spüren, Verzweiflung auch nicht. Es sind Vertreter von Opferhilfeverbänden anwesend, auch ein Team von Sanitätern. Herrscht Trauer vor? Die Fälle liegen so lange zurück, die Angehörigen haben ein Großteil ihres Leids womöglich schon verarbeitet. Erst, als sie vom Tod ihrer Angehörigen erfuhren, dann noch einmal, als sie nach deren Exhumierung und Untersuchung die Gewissheit hatten, dass sie ermordet wurden.

Er durfte weiter arbeiten

Erst 2005, nach dem 22. Juni, wird Niels H. gestoppt, weil er auf frischer Tat ertappt wurde. Wieder hat er einem Patienten Gilurytmal, ein Medikament zur Therapie von Herzrhythmusstörungen, gespritzt, eine Schwester hatte das beobachtet und die weder notwendige noch ärztlich indizierte Maßnahme gemeldet. Trotzdem durfte H. weiter arbeiten, weil zwei Tage später ohnehin sein Urlaub anfing. Am Abend des 24. Juni tötete er den nächsten Patienten.

Richter Bührmann weist schon im Saal der Weser-Ems-Hallen darauf hin, dass es weitere Verfahren geben werde, gegen Ärzte und Pfleger, wegen Unterlassung. Der Umstand, dass viele Morde verhindert hätten werden können, wenn H. – was möglich war – gestoppt worden wäre, muss die Angehörigen besonders schmerzen.

Fast sieht es so aus, als verfolge der Täter das Prozessgeschehen unbewegt. H. schaut bei der Verlesung der Anklage auf den leeren Tisch vor ihm, ab und an wischt er sich über die Augen. Aber als dann der Richter nach allen Umständen und juristischen Erklärungen die Befragung beginnt, schaut er auf. „Ja“, sagt er ins Mikrofon, ja, er wolle aussagen. Kooperativ hatte er sich auch nach seiner Verhaftung gezeigt, hatte zugegeben, was allerdings ohnehin nicht mehr zu leugnen gewesen war. Kooperativ wolle er auch in diesem Prozess sein.

Man hätte vollstes Vertrauen

Aber es wird nicht über Taten gesprochen an diesem ersten Verhandlungstag. H. ist ein Laptop ins Gefängnis gebracht worden, darauf ein Dokument, in dem die Polizei die einzelnen Taten aufgezeichnet hat. Weil H., wie der Richter sagt, sich wohl nicht mehr an die Namen der Patienten erinnern könne, sondern nur an deren Krankengeschichten. Er müsse sich wohl erst detailliert im Gefängnis vorbereiten. Da sitzt einer, der wahllos und willkürlich und grundlos gemordet hat.

Aber die Fälle sind heute nicht Thema, die werden Thema sein in den nächsten 23 Verhandlungstagen, heute wird nur die Vorgeschichte abgefragt, der Lebenslauf. Und der hat, wie Niels H. mit klarer Stimme sagt, sehr behütet begonnen, sehr geordnet, er spricht von einer schönen Kindheit, einer geregelten Schulzeit, seiner Zeit als Sportler, Fußball, seiner Beliebtheit bei Mitschülern, auch bei Mädchen. Sagt, dass er keine Ambitionen gehabt habe, Arzt zu werden, dass er erst in seiner Ausbildungsstelle animiert worden sei, sich weiter zu bilden, weil er doch so gut schon in der Lehre zur Krankenpflege unterwegs gewesen sei.

Er erzählt darüber sehr ruhig, sehr sachlich, er klagt nicht, er jammert nicht, aber er trotzt auch nicht, ist nicht widerspenstig. Als Beobachter stellt man sich vor, man wäre selber im Krankenhaus und hätte Niels H. als Pfleger. Man hätte vollstes Vertrauen.

Und dann, kurz bevor Richter Bührmann nach der anstrengenden und auch berührenden Anklageschrift zur Mittagspause auffordert, läuft es einem doch kalt über den Rücken. Dann, als Sebastian Bührmann H. fragt: „Stimmen Sie denn den Anklagepunkten in Gesamtheit zu?“ Es geht um hundert Morde an Menschen, die zu schützen waren. „Ja“, sagt Niels H. leise.

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