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Welt - 11.01.2019

Italiens sicherste Stadt

Unter Leoluca Orlando herrschen in der sizilianischen Stadt nicht mehr die Clans. Sein Feind sitzt jetzt im italienischen Kabinett.

Palermos Bürgermeister Leoluca Orlando – der „Löwe von Palermo“.

Als der heute 71-jährige Leoluca Orlando im Jahr 1985 das erste Mal zum Bürgermeister Palermos gewählt wurde, tobte in der sizilianischen Hafenstadt der „große Mafia-Krieg“ um die Vorherrschaft in der Cosa Nostra. Praktisch jeden Tag lagen in den Gassen der heruntergekommenen Altstadt Tote in ihren Blutlachen, durchsiebt von Salven aus Maschinenpistolen oder hingerichtet mit einem Kopfschuss. Unter den Opfern befanden sich neben unzähligen Mafiosi auch Polizisten, Politiker (wie der Bruder des heutigen Staatspräsidenten Sergio Mattarella), Richter, Journalisten und sogar Priester. Pro Jahr wurden in der Stadt bis zu 300 Morde verübt. Palermo galt als „der Schießstand der Cosa Nostra“, eine Art Kriegsgebiet.

Heute dagegen ist die sizilianische Metropole mit ihren fast 700.000 Einwohnern die sicherste Stadt Italiens, wie das nationale Statistikamt Istat am Mittwoch mitteilte. Das betrifft nicht nur Tötungsdelikte, sondern die gesamte Liste der Straftaten. Laut Istat lag die Kriminalitätsrate in Palermo im Jahr 2017 bei 4400 Delikten auf 100.000 Einwohner – das entspricht weniger als der Hälfte der 10.900 Straftaten je 100.000 Einwohner, die in Mailand begangen wurden. In Rom und Neapel wurden etwas mehr als 6000 Delikte pro 100.000 Einwohner angezeigt. Zwar ist die Mafia bis heute nicht vollständig aus Palermo verdrängt worden – aber sie beherrscht die Stadt und die Politik nicht annähernd mehr so stark wie früher.

Dies ist zum einen das Resultat der Repressionsoffensive, die der italienische Staat nach der Ermordung der beiden Richter und Mafia-Jäger Giovanni Falcone und Paolo Borsellino im Jahr 1992 eingeleitet hatte. Zum anderen ist es das Verdienst von Orlando, der nach seiner ersten Wahl zum Stadtoberhaupt den zivilen Widerstand gegen die Clans organisiert und den „Frühling von Palermo“ eingeleitet hatte. Die zerbröckelnden Barockpalazzi des historischen Zentrums wurden restauriert, Gassen und Plätze mit elektrischer Beleuchtung ausgestattet, Grünflächen und Parks hergerichtet, Kulturtempel wie das Teatro Massimo wieder dem Publikum zugänglich gemacht. Unter Orlando ist die einstige Mafia-Hochburg zu einer der bedeutendsten Kultur- und Tourismus-Städte des Landes geworden; im vergangenen Jahr war Palermo Kulturhauptstadt Italiens.

„Die Frage war nicht, ob sie mich umbringen würden, sondern nur wann und wie“

Der „Löwe von Palermo“, wie Orlando genannt wird, ist Professor für Verfassungsrecht und entstammt einer sizilianischen Adelsfamilie. Als Bürgermeister ist er mehrfach wiedergewählt worden; er befindet sich seit 2016 in seiner fünften Amtszeit. Zur Zeit des „Frühlings von Palermo“ stand der „Sindaco“ wie Falcone und Borsellino ebenfalls ganz oben auf der Todesliste der Cosa Nostra. Diese Erfahrung und die Geschichte der Wiedergeburt seiner Stadt hat Orlando in seiner Autobiografie „Ich sollte der nächste sein“ festgehalten. „Die Frage war nicht, ob sie mich umbringen würden, sondern nur wann und wie“, schreibt der Vater von zwei Kindern in dem Buch.

Mit dem Rückzug der Clans ist der Kampf gegen die Cosa Nostra für Orlando in den Hintergrund gerückt – sein neuer Gegner ist Innenminister Matteo Salvini von der rechtsradikalen Lega. Für den Linkspolitiker ist das Sicherheitsdekret, mit welchem die Regierung die Migrationspolitik massiv verschärft hat, „verfassungswidrig und unmenschlich“. Das Sicherheitsdekret hat die humanitäre Aufnahme faktisch abgeschafft. Diesen provisorischen, in der Regel zwei Jahre gültigen Aufenthaltsstatus bekamen jene Migranten, die weder Asyl noch einen internationalen Schutz erhielten, aber aus humanitären oder auch technischen Gründen nicht in ihr Heimatland abgeschoben werden konnten. Orlando fordert den Innenminister offen heraus: Er hat die Beamten des städtischen Einwohneramts angewiesen, Migranten auch dann noch Aufenthaltspapiere auszustellen, wenn es aufgrund der neuen Gesetzeslage nicht mehr zulässig wäre. Dem zivilen Widerstand Orlandos haben sich inzwischen auch andere Bürgermeister angeschlossen, etwa in Neapel, Mailand oder Bologna.

Orlando setzt sich schon lange für die Integration von Flüchtlinge ein

In Palermo setzt sich Orlando aber schon seit Jahren für die Integration der Flüchtlinge ein, und das mit einigem Erfolg. „In Palermo gibt es keine Migranten, denn wer in unserer Stadt lebt, ist ein Palermitano, ein Bürger“, sagt Orlando. Die Unterscheidung zwischen Einheimischen und „Bürgern, die später bei uns angekommen sind“, sei sinnlos: Es seien alles Menschen. Orlando ist sich bewusst, dass er mit dieser Meinung in Italien heute nicht die Mehrheit vertritt. „Aber als ich vor dreißig Jahren sagte, die Mafia könne besiegt werden, hat das auch niemand geglaubt. Wir haben es aber geschafft, und heute will in Palermo niemand mehr, dass die Stadt wie früher von der Cosa Nostra regiert wird.“

Dass Palermo nun offiziell die sicherste Stadt Italiens ist, bestätigt den Bürgermeister in seiner Überzeugung, dass die populistische Gleichsetzung „mehr Migranten gleich mehr Kriminalität“ lediglich eine perfide Wahlkampfpropaganda darstelle. „Palermo ist gastfreundlich zu den Flüchtlingen, und Palermo ist sicher“, stellt Orlando mit Genugtuung fest.

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