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Politik - 06.04.2019

Gastkommentar von Andreas Rödder zur bevorstehenden Wahl in Israel

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„Willkommen in meiner Welt!“ So begrüßt uns Karl, der israelische Reiseführer, am Flughafen in Tel Aviv. Es ist die Welt der Juden, ein bisschen kauzig oder „meschugge“, was nett gemeint ist, und sehr kreativ im Umgang mit den Vorschriften. Wenn Jahwe verboten hat, Schweine auf dem Boden zu züchten, auf dem sein Volk das Ohr bettet, dann baut man eben eine Schweinezucht auf Stelzen. Welch reiche Kultur hat der europäische Antisemitismus, hat der deutsche Holocaust aus Europa vertrieben – die Tragik der Geschichte berührt jeden Israelreisenden.

Wäre da nicht die Sache mit den Palästinensern. In Jordanien treffen wir Khadil, dessen Eltern 1948 aus der Nähe von Tel Aviv vertrieben wurden. Die Israelis sprechen vom Unabhängigkeitskrieg, die Palästinenser von „al-nakba“, der Katastrophe. Bis heute begegnet uns diese Geschichte auf Schritt und Tritt. Wir besuchen ein palästinensisches Flüchtlingslager in der Nähe von Amman. Genau wird unterschieden zwischen den 1948 Vertriebenen und den Flüchtlingen von 1967, nach dem Sechstagekrieg. Khadil bekommt nicht einmal ein Visum, um die Heimat seiner Eltern zu sehen.

Der neue Ministerpräsident der palästinensischen Autonomiebehörde in Ramallah beginnt unser Gespräch mit der „Balfour-Deklaration“ von 1917, dem Versprechen des britischen Außenministers, eine „nationale Heimstätte“ für die Juden in Palästina zu unterstützen. Die Zionisten sagten, ein Raum ohne Volk für ein Volk ohne Raum. Palästina war aber nicht ohne Volk. Vielmehr verloren die Palästinenser Stück für Stück ihren Raum.

UNSER GASTAUTOR

Andreas Rödder ist Professor für Neueste Geschichte an der Mainzer Johannes Gutenberg-Universität und sieht den großen Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern noch lange nicht gelöst.

1947 sprach der UN-Teilungsplan einem jüdischen Staat 55 Prozent des Territoriums in Palästina zu. Aus arabischer Sicht: Die Gründung des Staates Israel war die Wiedergutmachung des Westens für den europäischen Antisemitismus und den Holocaust – auf Kosten der Palästinenser. Die Araber lehnten den Teilungsplan ab, griffen Israel nach der Staatsgründung an und verloren den Krieg von 1948 ebenso wie den Sechstagekrieg von 1967. Heute umfassen die palästinensischen Autonomiegebiete noch 22 Prozent von Palästina, und in 60 Prozent dieses Gebietes übt Israel nach wie vor die Hoheit aus, einschließlich einer aktiven jüdischen Siedlungspolitik. Die Israelis wollen uns in kleine Ghettos zurückdrängen, sagen die Palästinenser.

Sie hätten die Zweistaatenlösung haben können, entgegnen die Israelis, aber Arafat habe sich in Camp David 2000 nicht darauf eingelassen. Stattdessen griffen die Palästinenser zu offener Gewalt, vom Terror der 70er-Jahre bis zu den Raketenangriffen dieser Tage. Erst die Abriegelung der Palästinensergebiete habe Israel Sicherheit gebracht, sagen die Israelis. Die Sperranlagen nehmen uns die Luft zum Atmen und die wirtschaftliche Existenzfähigkeit, klagen die Palästinenser.

Je länger der Konflikt dauert, desto verfahrener ist er geworden. Israel betreibt eine offen rassistische Palästinenserpolitik, und die Hamas lässt nicht vom Terror ab. Jede neue Erfahrung von Diskriminierung und Gewalt macht die Verbitterung größer und reduziert die Bereitschaft, sich auf die andere Seite einzulassen. „Die Palästinenser behaupten, dass dies ihr Land ist – und sie haben recht. Die israelischen Juden behaupten, dass dies ihr Land ist – und sie haben recht.“ Diese Einsicht von Amos Oz will in Palästina kaum noch jemand wahrhaben. Karl und Khadil erzählen uns stattdessen verschwörungstheoretische Geschichten über die anderen: der eine von palästinensischen Beduinen, die aus Jordanien kämen, um auf der Westbank zu siedeln, und von der EU unterstützt würden. Der andere von den Amerikanern, die am 11. September 2001 selbst in die New Yorker Twin Towers geflogen seien.

Verhärtete Fronten, weil keine Seite bereit ist, sich auf die Perspektive der anderen einzulassen und nicht nur die eigene, sondern auch deren Legitimität anzuerkennen. Diese Bereitschaft aber ist der Schlüssel zu Verständigung und Konfliktlösung. Nicht nur in Palästina.

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