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Kultur - 2 Wochen ago

Medienkompetenz – „Das Problem ist nicht Facebook“

Eine Welt ohne Facebook? Für manche nur schwer vorstellbar. Vor 15 Jahren ging das soziale Netzwerk online – doch kann es sich halten? Ein Gespräch über den Anfang, die Zukunft und die Kritik an Facebook.

Es ist unbestreitbar: Die sozialen Medien haben unser Zusammenleben und unsere Art zu kommunizieren verändert. Wie genau – damit beschäftigen sich zahlreiche Wissenschaftler, unter anderem auch die Medienpsychologin Sabine Trepte. 

DW: Frau Trepte, vor 15 Jahren ging Facebook online. Wenn Sie zurückdenken an die Anfänge, was fällt Ihnen da als erstes ein?

Sabine Trepte: Nun ja, in Deutschland hat Facebook ja ein bisschen später gestartet. Hier gab es zuerst StudiVZ und das war auf jeden Fall sehr einschlägig und hat viel mit den Deutschen gemacht. Es war das erste soziale Netzwerk und das war für viele Menschen das erste große Hallo zum Internet. Es war ein Grund, dass man das Internet nutzte.

Was genau haben die Menschen da gemacht?

Das Gleiche wie auf Facebook. Allerdings waren die Nutzungsbedingungen damals ein bisschen anders, weil sich die Leute mit ihrem Klarnamen nicht nur angemeldet, sondern auch komplett öffentlich ihre Profile gestaltet haben. Man konnte über eine ganz normale Internetrecherche in die Profile von Menschen gehen und schauen, was sie den Tag über getan oder gegessen haben und konnte denen quasi wirklich folgen. Das war sozusagen die Reinform sozialer Medien und wirklich ein sehr, sehr erfolgreiches Format, das die Online-Kommunikation revolutioniert hat.

Medienpsychologin Sabine Trepte

Heute sind die Deutschen ja bekannt dafür, dass sie sehr zurückhaltend sind mit ihren Daten im Internet. War das damals kein Thema?

Nein, darüber hat man sich erst einmal keine Gedanken gemacht und das war ja auch der Grund, warum wir überhaupt mit der Privacy Forschung angefangen haben: weil wir uns so gewundert haben. Das ging schon vor Facebook los mit dem Aufkommen der Blogs, wo plötzlich ganz andere Regeln der Kommunikation galten als face to face. Da wurde dann beispielsweise ganz offen darüber geredet, wie der eigene Tagesablauf war – ohne eine starke Fokussierung oder Zuschneidung auf situative Kontexte oder spezifische Gruppen. Wenn ich zum Beispiel bei meiner Arbeit über etwas berichte, dann ist das natürlich ganz anders als bei meinen besten Freunden freitagabends am Küchentisch. Und diese Differenzierung war bei den Blogs einfach nicht so stark sichtbar.

Und wie kam es dann zu dem Wechsel von StudiVZ zu Facebook?

Zuerst gab es Facebook in den USA. Und als Facebook dann nach Deutschland kam, wussten die Leute ja bereits, was Sache war und einige – ich zum Beispiel auch – haben direkt auf Facebook USA gestartet. Facebook hat das letztendlich mit viel mehr Geld im Rücken viel professioneller gemacht. Und sie waren natürlich internationaler.

Wann hat sich denn in Deutschland dieses starke Bewusstsein für Datenschutz entwickelt?

Also, wir haben 2009 im Rahmen der „Nacht des Wissens“ an der Hamburg Media School Veranstaltungen zu dem Thema gemacht und sind dabei auf ein unglaubliches öffentliches Interesse gestoßen. Die Frage war: Wie kann ich im Internet, auf StudiVZ, auf Facebook, das weitermachen, was mir so viel Freude bereitet, und zugleich aber meine Privatheit schützen? Ich habe den Eindruck, dass in dieser Zeit so eine Bewusstwerdung stattgefunden hat.

Und wieso gerade bei den Deutschen? In den USA scheint man mit dem Thema ja ganz anders umzugehen.

Das hat, glaube ich, ganz verschiedene Gründe. Erst mal ist es so, dass in den USA „Reputation Management“ (also die Selbstdarstellung im Internet, Anm. d. Red.) ein ganz wichtiges Motiv ist – mehr als bei uns – und das kann man einfach gut betreiben auf Facebook. Ein anderer Grund ist, dass wir in Deutschland generell eine sehr breite Medienlandschaft haben, die nicht nur über Facebook, sondern über jegliche Art von Dienstleistung informiert und über deren Vorteile aber eben auch Risiken. Wir sind informierter als die Menschen in vielen anderen Ländern. Und drittens hat es aus meiner Sicht auch etwas mit unserer Geschichte zu tun. Wir sind bereits sehr kritisch sozialisiert, weil wir eben aufgrund der Überwachung durch Stasi und auch während des Dritten Reiches sensibilisiert sind für das Thema.

Bild vor Text: Die jüngere Generation ist bei Instagram unterwegs

Wenn wir nach vorn gucken: Wo glauben Sie, dass Facebook in 15 Jahren steht?

Also wenn ich mir meine Studierenden anschaue, dann ist mein Eindruck, dass die einfach kein Interesse mehr daran haben, textbasierte Informationen mit anderen öffentlich auszutauschen. Das machen sie über die Messenger. Wenn schon mit größerem Publikum oder öffentlich, dann möchten sie sich Bild basiert austauschen, weil da eben nochmal ein größerer semantischer Raum aufgemacht wird, da gibt es mehr Interpretationsspielraum. Sprich: Die sind vor ein paar Jahren alle zu Instagram abgewandert. Die jüngeren Menschen, so 25 Jahre aufwärts, haben noch Facebook-Accounts. Aber die nutzen das vor allen Dingen, um sich mit älteren Menschen beispielsweise aus ihrer Familie auszutauschen und auch um Nachrichten zu lesen. Die heutigen Schüler sind ja eigentlich überhaupt nicht mehr auf Facebook. Die nutzen Instagram und Messenger.

Ich könnte mir daher entweder vorstellen, dass es Facebook gar nicht mehr gibt, dass es einfach nur so ein auslaufendes Modell ist, das zwar online steht, aber nur noch aus sentimentalen Gründen genutzt wird – wie so ein schönes Erinnerungstagebuch: Was habe ich eigentlich zwischen 2008 und 2015 gemacht? Oder aber Facebook schafft es noch mal sich neu zu erfinden.

Facebook hat sich in den letzten Jahren ja schon sehr gewandelt – von einer Kommunikationsplattform hin zu einer Informationsplattform und genau das will das Unternehmen ja auch noch mehr ausbauen. Halten Sie das für bedenklich?

Nein. Bedenklich wird es nur, wenn die Menschen denken, dass es die einzige Informationsplattform ist. Es wird da sehr viel Schwarzmalerei betrieben, aber ich sehe das ein bisschen anders. Die Leute wissen ja, dass sie ihre Nachrichten ausgeliefert bekommen über diesen einen Anbieter Facebook. Und dass sie die Möglichkeit haben zu sagen: Das ist mir zu einseitig. Ich weiß ja als User, dass mir immer nur das ausgeliefert wird, was ich vorher ausgewählt habe. Das Problem ist also nicht Facebook, sondern das Grundproblem entsteht generell, wenn Menschen nur einen Nachrichtenkanal nutzen.

Medienkompetenz: auch – aber nicht nur – ein Thema für den Schulunterricht

Stichwort Medienerziehung?

Ja. Es muss klar sein, dass man sich verschiedene Quellen angucken muss, und dass man wissen sollte, welche Normativität, welches Erlösmodell hinter einem Angebot steht, also wie ein Angebot beispielsweise finanziert wird. Viele Schüler wissen, wenn sie die Bravo aufschlagen, nicht, welches der redaktionelle und welches der Anzeigenteil ist. Die wenigsten Schüler lesen Zeitung und damit werden sie in ihrer Kindheit und Jugend einfach nicht herangeführt an Medienrezeption. Und das finde ich viel schlimmer, als dass Facebook sich als Nachrichtenportal etabliert.

Ist das ein Appell an die Schulen?

Nein, das ist eher ein Appell an die Kinder und an die Eltern. Das kann nicht alles Aufgabe der Schule sein. Was die Schule aber dennoch leisten kann, ist, dass sie flexible Unterrichtsformate anbietet, in denen es einem Lehrer auch mal möglich ist, eine Zeitung mit den Schülern zu lesen. Das ist momentan nicht möglich. Die Lehrer sind in einem Korsett der Bildungspläne, das sie didaktisch zu unflexibel macht. Es wird eine irre Quantität gefordert. Wenn Lehrerinnen und Lehrer mehr Zeit hätten, dann würden sie auch eher wieder eine Zeitung mitbringen und mit ihren Schülern darüber diskutieren. Und das sollte nicht nur in einem Fach wie Gesellschaftskunde passieren, sondern auch schon in der Grundschule und in den frühen Klassen der Unterstufe – in allen Fächern.

Sabine Trepte ist Inhaberin des Lehrstuhls für Medienpsychologie an der Universität Hohenheim. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der Medienpsychologie mit den Themen Privatsphäre und Selbstoffenbarung im Social Web, psychologische Prozesse des Wissenserwerbs mit politischen Nachrichtenmedien und Social Identity.

Das Interview führte Petra Lambeck.

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