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Kultur - 08.01.2019

Bestsellerautor Menasse gesteht Fehler ein

In seinem neusten Roman hat der österreichische Schriftsteller Menasse dem Europapolitiker Walter Hallstein erfundene Zitate zugeschrieben. Trotz dieser Geschichtsklitterung bekommt der Autor einen Preis verliehen.

Unabhängig von der öffentlichen Kritik an seinem nachlässigen Umgang mit historischen Zitaten und Fakten in seinem Europa-Roman „Die Hauptstadt“ (2017) soll Robert Menasse (64) am 18. Januar die Carl-Zuckermayer-Medaille des Landes Rheinland Pfalz verliehen bekommen. Das bestätigte jetzt die Mainzer Staatskanzlei von Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD).

Menasse habe sich zunehmend europapolitischen Themen gewidmet, sagte die SPD-Politikerin zur Begründung: „Es ist erfrischend, dass solche Themen in der Literatur ihren Platz finden.“ In einer gemeinsamen Stellungnahme mit der Staatskanzlei räumte der österreichische Schriftsteller inzwischen Mängel bei der historischen Recherche zu seinem Buch ein. 2017 bekam er für seinen EU-Roman den Deutschen Buchpreis. 

Nur selten Schauplatz eines Romans: Die EU-Kommission in Brüssel

„Es war ein Fehler von mir, Walter Hallstein in den öffentlichen Äußerungen und nicht-fiktionalen Texten Zitate zuzuschreiben, die er wörtlich so nicht gesagt hat“, sagte der Wiener Schriftsteller über die kritischen Passagen seines Buches. „Es war unüberlegt, dass ich im Vertrauen auf Hörensagen die Antrittsrede von Hallstein in Auschwitz verortet habe“, stellte Menasse in seiner aktuellen Stellungsnahme richtig: „Diese hat dort nicht stattgefunden.“

Bereits am Samstag (05.01.2019) hatte sich der 64-Jährige in der Wochenendausgabe „Der Welt“ für sein Fehlverhalten entschuldigt, sprach allerdings noch von „künstlicher Aufregung“ um den Vorfall. Ein freier Umgang mit Quellen sei für Wissenschaftler und Journalisten nicht zulässig, dies gelte aber nicht für Schriftsteller und Dichter, so Menasse in seiner persönlichen Stellungsnahme.

Worum geht es in dem Streit?

In seinem Bestseller „Die Hauptstadt“ hat der profilierte Schriftsteller und bekennende Europa-Verfechter Menasse dem CDU-Politiker und früheren EWG-Kommissionspräsidenten Walter Hallstein (1901-1982) Aussagen und Zitate zugeschrieben, die dieser wörtlich nicht öffentlich formuliert hat. „Die Abschaffung der Nation ist die europäische Idee“, zitiert Menasse den Chef der EU-Vorgängerorganisation. Den Satz hat Hallstein so nie gesagt.

Bundeskanzler Konrad Adenauer, CDU-Staatsekretär Hallstein (Mitte) und der italienische Ministerpräsident Antonio Segni unterzeichnen 1957 die „Römischen Verträge“

Bereits 2013 hat Robert Menasse dieses angebliche Zitat in zwei Essays verwendet, die er gemeinsam mit der Professorin für Europapolitik, Ulrike Guérot, verfasst hatte. Auch in Reden und Vorträgen zitierte Menasse den Politiker Hallstein wiederholt falsch. In seinem 2017 erschienenen Buch behauptet der Autor darüber hinaus, Hallstein habe seine Antrittsrede als EWG-Präsident im Jahr 1958 auf dem Gelände des früheren Konzentrationslagers Auschwitz gehalten. Auch diese Behauptung frei erfunden und trug Menasse scharfe Kritik ein.

Historiker deckt falsche Zitate auf

Schon 2017 hatte der renommierte Historiker Heinrich-August Winkler die angeblichen Hallstein-Zitate in einem Spiegel-Interview angezweifelt. „Falls Guérot und Menasse sich auf Quellen stützen können, die der bisherigen Forschung nicht bekannt waren, sollten sie diese nennen. Solange es keine belastbaren Belege für die Hallstein zugeschriebenen Zitate gibt, müssen diese als apokryph, das heißt als unecht, gelten.“ Die falschen Zitate in Menasses Roman „Die Hauptstadt“ würden die politische Person Walter Hallstein nicht angemessen darstellen, so Winkler.  

Heinrich August Winkler zweifelt an der historischen Richtigkeit der Hallstein-Zitate

Der bekannte Autor Menasse reagierte öffentlich nicht auf Winklers Vorwürfe. Erst als 2018 ein Redakteur  der „Welt“ in einem Artikel erneut dieses vermeintliche Hallstein-Zitat übernahm und Winkler ihn daraufhin nach dessen Quelle fragte, räumte Robert Menasse gegenüber der Redaktion ein, die Zitate frei erfunden zu haben.

Kritik und Beistand

Der evangelische Kulturbeauftragte, Johann Hinrich Claussen, warf Menasse sogar eine Instrumentalisierung des Holocaust vor. Die Hallstein-Rede in das frühere NS-Konzentrationslager zu verlegen sei eine „geschmacklose Auschwitz-Erfindung“ und „Holo-Kitsch“, sagte Claussen dem Evangelischen Pressedienst (epd) in Frankfurt.

Auch die Kulturwissenschaftlerin und Friedenspreisträgerin Aleida Assmann kritisierte Robert Menasse. Der Fall sei ein „Denkzettel“ für die Linke und für bürgerliche Intellektuelle, die sich nach 1968 nicht um den Begriff der „Nation“ gekümmert hätten. Damals habe sich kaum jemand mit der deutschen Nation“ identifiziert, sagte Assmann der „Welt am Sonntag“. Sie appelliere an die bürgerliche Mitte, sich dringend mit ihrem Verhältnis zur „demokratischen Nation“ auseinanderzusetzen und dies nicht Rechtsradikalen zu überlassen.

Aleida Assmann erhielt 2018 zusammen mit ihrem Mann den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels

Verlag steht fest zu Menasse

Menasses Hausverlag Suhrkamp verteidigte seinen langjährigen Autor unterdessen. Dieser habe „im Rahmen nicht-fiktionaler Texte und öffentlicher Äußerungen“ Fehler gemacht und sich dafür entschuldigt. „Dem kann der Verlag nichts hinzufügen“, erklärte Suhrkamp-Sprecherin Tanja Postpischil am Dienstag (08.01.2019) in Berlin. Am Stellenwert seines literarischen Werks ändere die aktuelle Diskussion nichts.

Die Mainzer Staatskanzlei unterstrich ebenfalls, dass Menasse ein beeindruckendes literarisches Gesamtwerk geschaffen und mit seinem engagierten Streiten für die europäische Idee die politische Debatte um die Zukunft der EU sehr bereichert habe. Die Landesregierung hatte nach Aufkommen der massiven Kritik das Gespräch mit Menasse gesucht.

In Würdigung seines langjährigen Wirkens als Schriftsteller werde ihm deshalb, wie geplant, die Carl-Zuckmayer-Medaille am 18. Januar im Mainz verliehen. Seit 1979 wird der Literaturpreis jedes Jahr „für Verdienste um die deutsche Sprache und um das künstlerische Wort“ vergeben. Bisherige Preisträger waren u.a. der Schauspieler Mario Adorf, Rockmusiker Udo Lindenberg und der Schweizer Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt.

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