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Kultur - 07.02.2019

69. Berlinale beginnt mit Sozialdrama „The Kindness of Strangers“

Ein Film über gesellschaftlich gestrandete Menschen in New York eröffnet die Filmfestspiele. Der Auftakt der letzten Berlinale unter dem langjährigen Chef Dieter Kosslick ist gut gemeint – ästhetisch aber enttäuschend.

Eine Mutter mit ihren beiden jungen Söhnen auf der Flucht vor dem gewalttätigen Ehemann und auf der Suche nach ein wenig Essen und einer Bleibe für die Nacht. Eine abgekämpfte Krankenschwester, die sich in ihrer Freizeit um einsame und verzweifelte Menschen kümmert. Ein etwas tollpatschiger junger Mann, der auch deswegen einen Job nach dem anderen verliert.

Schließlich ein russisches Restaurant und dessen Inhaber: ein vergeistigt wirkender älterer Gentleman, der ständig dicke Bücher liest und nur vorgibt, Russe zu sein, weil das Kundschaft anlockt. Sein Küchenchef, der nicht in der Lage ist, Gefühle zu zeigen und deswegen mit einem befreundeten schüchternen Anwalt zur Selbsthilfegruppe ebenjener Krankenschwester geht und dort verdruckst nach Rat sucht. Lone Scherfigs Figurenarsenal setzt sich aus sympathischen, aber nicht sehr glücklichen Menschen zusammen.

Clara (Zoe Kazan) holt sich gegen ihren übergriffigen Mann Hilfe bei einem Anwalt (Jay Baruchel)

Auftakt zur 69. Berlinale. Für Dieter Kosslick (Artikelbild, mit der Jury) ist es nach 18 Jahren die letzte. Er empfing seine Gäste, die dänische Regisseurin Lone Scherfig und das Schauspielerensemble von „The Kindness of Strangers“ sowie zahlreiche Persönlichkeiten aus Politik, Gesellschaft und Kultur, auf dem Roten Teppich des Berlinale-Palastes am Potsdamer Platz. Die Stimmung war natürlich gut – wie jedes Jahr zum Auftakt des größten deutschen Filmfestivals. Und wie immer trotzte man tapfer in Abendgarderobe der Berliner Kälte.

Vom Leben im kaltherzigen New York

Lone Scherfig stellt dem Berlinale-Publikum zur Eröffnung also eine Handvoll Menschen vor, die sich im winterlich kalten New York nur eine Frage stellen: Wie kann ich den Tag meistern? Bei der Mutter und ihren beiden Sprösslingen ist das während der knapp zweistündigen Filmhandlung eine ganz und gar existenzielle Frage. Bei den anderen Film-Charakteren eher eine der Einstellung, des Mutes, des täglichen Kampfes gegen Verzagtheit.

Gut gelaunt stellte sich das Team um Regisseurin Lone Scherfig (dritte v. r.) der Weltpresse

Scherfigs Antwort auf das wirtschaftliche und soziale Dilemma ist so simpel wie nachvollziehbar: Persönliche Krisen sind nur mit Solidarität und Mitmenschlichkeit, mit Freundlichkeit und Freundschaft zu meistern. „The Kindness of Strangers“ ist ein filmisches Plädoyer für Empathie. Sie sehe sich verpflichtet, Themen in ihren Filmen aufzugreifen, die ihr dringlich erscheinen, sagte die Regisseurin im Anschluss an eine erste Pressevorführung des Films am Mittag noch vor der abendlichen Gala: „Mir ist es gerade in unserer Zeit wichtig, auch zu sagen: Ja, die Welt ist komplizierter geworden, aber es gibt Licht am Ende des Tunnels.“

Die Schauspieler überzeugen, das Drehbuch weniger

„The Kindness of Strangers“ ist von einem internationalen Darsteller-Ensemble gut und überzeugend gespielt. Zoe Kazan und Caleb Landry Jones aus den USA, die Briten Andrea Riseborough und Bill Nighy, der Franzose Tahar Rahim: Sie alle verkörpern sympathische Charaktere, denen man nicht böse sein kann.

New Yorker Restaurant mit russischem Akzent: Besitzer Timofey (Bill Nighy r.) und Küchenchef Mark (Tahar Rahim)

Nur die Zeitläufte haben ihnen übel mitgespielt, so könnte die Schlussfolgerung der dänischen Regisseurin lauten. Dem schlossen sich Scherfigs Darsteller an: „Wir brauchen Filme, die Menschen vereinen, statt sie zu trennen“, meinte der englische Charakterdarsteller Bill Nighy auf der Pressekonferenz. Das gegenwärtige gesellschaftliche Klima werde überall von vielen Vorurteilen bestimmt, und auch Hass gehöre dazu.

Der Film reißt die Zuschauer kaum mit

Dem mochte niemand widersprechen. Doch Lone Scherfig lief mit ihrem Film auch offene Türen ein. Der Ehemann, von der sich die junge Frau mit ihren beiden Söhnen im Film nach New York flüchtet, ist ein fieser Schläger, der sich zu Hause auf dem Computer Foltervideos anschaut. Auch sonst herrscht ein klares Gut-Böse-Schema vor. Da macht es sich Scherfig ein wenig zu einfach. Vor allem raubt es ihrem Film über weite Strecken Emotionalität und Tiefe.

Am Ende ein Paar: Clara und Mark

Die Dänin mag sich als Schauplatz ihres neuen Spielfilms nicht zufällig New York ausgesucht haben. In der US-Metropole stranden viele Menschen auf der Suche nach Glück und einem besseren Leben. New York hat sich in der Geschichte des Kinos schon immer hervorgetan als Kulisse für zerstobene Hoffnungen.

Soziale Kälte – Symbol für das Amerika des Donald Trump?

Ist der Film nun auch ein Wink hinüber ins Amerika des Donald Trump, das sich kaum um sozial Schwache und Ausgestoßene kümmert? Dass der Ehemann, der im Film Frau und Kinder schlägt, ausgerechnet ein weißer Polizist ist und möglicherweise einen typischen Trump-Wähler symbolisiert, könnte man als Beleg für Kritik am gegenwärtigen Zustand der Vereinigten Staaten interpretieren.

Regisseurin Lone Scherfig und ihre Hauptdarstellerin Zoe Kazan bei der Pressekonferenz der Berlinale

Auf jeden Fall bedient „The Kindness of Strangers“ das vom scheidenden Festivalchef Dieter Kosslick ausgegebene Motto „Das Private ist politisch.“ Die Charaktere im Film von Lone Scherfig eint in ihrem privaten Dilemma, dass sie Überforderte und Ausgestoßene in einer sozial kalten Welt sind, in der sich die Reichen offensichtlich nicht um die Armen kümmern. In ihren Schlussfolgerungen und Aussagen kann man Lone Scherfig durchaus folgen.

Durchwachsener Auftakt der 69. Berlinale

„The Kindness of Strangers“ ist allerdings ein Film, der mit seinem wichtigen Thema künstlerisch kaum etwas anzufangen weiß. Inszenierung und Filmerzählung sind brav, bieten kaum etwas fürs Auge. Den Beifall nach der Pressevorführung spärlich zu nennen, wäre noch eine Übertreibung. Am Abend nach der Gala dürfte es dann lauter werden. Denn einen braven und gut gemeinten Festivalauftaktfilm, der noch dazu in Anwesenheit seiner Macher im festlichen Rahmen präsentiert wird, heißt man üblicherweise  freundlich willkommen in Berlin. 

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